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Artikel: Was macht einen Mann zum Mann?

Society

Was macht einen Mann zum Mann?

Wir denken über eine Neudefinition von Männlichkeit nach. Eines der Kernprobleme der Millennials ist der Hang zur permanenten Selbstoptimierung. Wir wollen sportlicher, gesünder, erfolgreicher – schlicht besser sein. Ein besserer Vater, ein besserer Sohn, Freund, Partner, Ehemann – die optimierte Version unserer selbst.

Doch dieser individuelle Drang nach Verbesserung und Identität ist keine isolierte Eigenleistung, der wir ohne gesellschaftliche Idealvorstellungen folgen. Moderne Sozialstrukturen suggerieren sowohl Männern als auch Frauen, dass alles möglich sei; dass wir sein können, wer wir wollen, weil wir schließlich die Wahl haben. Karriere, Kinder, Sexualität: alles kein Problem. Es liegt an uns, im riesigen Pool der Lebensentwürfe die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Besonders für Männer der heutigen Generation scheint diese Art der Freiheit Männlichkeit neu zu definieren. Mannsein entspricht nicht mehr ausschließlich dem stereotypen Bild des starken Alpha-Männchens, das die Familie mit Muskelkraft und Verstand ernährt und unfähig ist, Gefühle oder Ängste zu artikulieren. Blickt man in unsere Gesellschaft, scheint Männlichkeit diverser geworden zu sein. Immer mehr Väter nutzen die Elternzeit und setzen sich für Geschlechtergerechtigkeit ein. Männlichkeit außerhalb heteronormativer Ideale gewinnt zunehmend an rechtlicher Akzeptanz – man sieht es am Erfolg der gleichgeschlechtlichen Ehe weltweit.

Doch warum verwenden wir im Jahr 2026 immer noch Schimpfwörter wie „schwul“ oder „Pussy“, wenn es darum geht, Männer oder Handlungen abzuwerten, die als „nicht männlich genug“ gelten? Warum scheint es immer noch eine sehr spezifische Vorstellung von Maskulinität zu geben, an der sich moderne Männlichkeit misst und orientiert? Was bedeutet es heute wirklich, ein Mann zu sein?

Männlichkeit als soziales Konstrukt

Folgt man Soziologinnen wie Raewyn Connell, ist Männlichkeit ein soziales Konstrukt. Mannsein ist demnach mehr als bloße Biologie; es wird sozial erlernt. Männlichkeit muss daher nicht als angeborene Eigenschaft verstanden werden, sondern als ein sozialer Prozess, der das „Mannsein“ mit bestimmten Qualitäten verknüpft.

Der moderne Mann verändert sich. Er löst sich zunehmend vom Archetypen. Natürlich entsteht dadurch nicht nur eine einzige Form von Männlichkeit, sondern verschiedene Ausprägungen – wobei eine meist dominanter ist als der Rest. Eine Art maskuliner Mainstream, den Connell als hegemoniale Männlichkeit bezeichnet. Wie der Begriff der Hegemonie suggeriert, übernimmt dieser Mainstream die Führung über andere Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit und positioniert sich an der Spitze der sozialen Hierarchie.

Francesco Maria Morettini von der University of Cambridge argumentiert, dass die Kernattribute eines solchen hegemonialen Mannes über Raum und Zeit hinweg ähnlich bleiben: Er soll stark, emotional nicht angreifbar, erfolgreich, wettbewerbsorientiert und heterosexuell sein.

Machtstrukturen und der Preis der Dominanz

Machen diese Eigenschaften einen Mann also zum Mann? Wahrscheinlich werden viele Männer an dieser Stelle widersprechen, und doch wird der eine oder andere den gesellschaftlichen Druck verspürt haben, dieser Vorstellung zu entsprechen.

Schon in der Kindheit gibt es oft eine kleine Gruppe von Jungen, die sich als Anführer positionieren – der stereotype „Bully“, der seine Machtposition notfalls mit Gewalt verteidigt und Mädchen sowie Jungen, die anders sind, ausschließt. Er ist, nach Connells Theorie, meist von einer Gruppe von „Komplizen“ umgeben, die zwar eigentlich den ausgeschlossenen Gruppen gleichgestellt sind, aber dennoch von den Privilegien profitieren, die sie durch die herrschende Gruppe erhalten.

Übertragen auf unsere heutigen Gesellschaftssysteme wird deutlich, dass all jene Männer, die außerhalb dieses hegemonialen Mainstreams stehen, oft Ausgrenzung und Marginalisierung erfahren. Das können schwarze Männer innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft sein oder homosexuelle Männer in einem heteronormativen Umfeld.

Die Toxizität des Schweigens

Schwäche zu zeigen, offen über Probleme zu sprechen oder Zuneigung auszudrücken, gilt oft immer noch als unvereinbar mit Männlichkeit. Das zeigen auch Studien zur männlichen Suizidrate, die fast dreimal so hoch ist wie die von Frauen. Psychologen erklären dies damit, dass Männer stärker betroffen sind, weil die Aufrechterhaltung ihrer männlichen Identität es ihnen oft nicht erlaubt, andere um Hilfe zu bitten. An diesem Punkt werden dominante Formen von Männlichkeit toxisch.

Doch wie lässt sich dieses männliche Rollenbild, das das Verhalten bis heute beeinflusst, aufbrechen? „Redet darüber“, sagt der Schauspieler Justin Baldoni, der in seinem TED-Talk dazu aufruft, einen Dialog zwischen Männern zu führen, um Maskulinität neu zu definieren.

Während Frauen im Feminismus das Vokabular gefunden haben, um über geschlechtsspezifische Einschränkungen zu sprechen, hinkt die Männerwelt in dieser Hinsicht weit hinterher, schreibt Ally Fogg im Guardian. Ein Mann zu sein bedeutet in erster Linie, ein Mensch zu sein. Das bedeutet nicht, dass Männer aufhören sollten, Männer zu sein – aber es erfordert eine kritische Debatte über die Art von Männlichkeit, die seit Generationen als dominante soziale Norm akzeptiert wird.

Männer, stellt euch der Herausforderung, Männlichkeit neu zu interpretieren. Denn auch das ist eine Eigenschaft, die einen Mann zum Mann macht.

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